Jeder Tag ist Frauentag

 
Eine freie Frau schwört keinen Eid. Wem denn? Entweder ist sie frei, dann macht sie, was sie will, und wenn sie wirklich frei ist, frei, zu leben und leben zu lassen, zu rufen, zu binden, dann gibt es keine Macht im Universum, der sie einen Eid schuldet. Eine freie Frau sagt Nein und Ja zu ihrer Zeit, lebt Trauer und Freude auf ihre Art, eine freie Frau schuldet niemandem eine Lüge oder eine Wahrheit.
— Luisa Francia

Wir schreiben das Jahr 2018 und feiern heute am 8. März den Weltfrauentag. So wie jedes Jahr. Und so wie jedes Jahr hat sich für viele Frauen dieser Welt viel getan - doch solange wir den Weltfrauentag feiern, erinnert er uns immer noch daran, dass wir noch viel tun müssen, um das Weibliche in die Gesellschaft zurückzuholen und ihm jenen Platz zu schenken, die die Schöpfung für ihn vorgesehen hat.

Es bewegt sich gerade viel in der internationalen Welt der Frauen - viele spirituell angehauchte Entwicklungen, viele Erinnerungen, viel Arbeit daran, das göttlich Weibliche auf die Erde zu bringen. Denn für mich geht es nicht um Gleichberechtigung im weiteren Sinne (denn darum sollten wir nicht kämpfen müssen, sondern es als Lebensrecht von Natur aus zugesprochen bekommen) - nicht um das Verändern, Stutzen, Zurechtweisen der äußeren (noch immer) patriarchalen Strukturen, sondern darum, dass wir uns als Frauen daran erinnern dürfen, welche Uressenz wir in uns tragen. In uns und durch uns wird Leben genährt, ernährt und geboren. Wir sind Shakti - die weibliche Ausformung der männlichen Schöpfungsidee Shiva. Und in dieser Shakti Manifestation sind wir umwerfend schön. Jede für sich in ihrem ganz individuellen Glanz.  

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Für jemanden wie mich, die viel mit Frauen und rund um das Thema Frauenkraft arbeitet, ein ganzes Buch dazu geschrieben hat und die eigene Lebenszeit einer stillen Revolution des göttlich Weiblichen widmet,  sollte der Weltfrauentag eigentlich ein Feier - Tag sein. Doch wenn ich ehrlich bin: Für mich ist jeder Tag ein Weltfrauentag. Dabei denke ich an all die Frauen, die in der langen Geschichte der patriarchalen Unterdrückung der weiblichen Kraft, vieles bewegt haben. An jene die sich getraut haben, anders zu sein. Anders als die in den verschiedenen Jahrhunderten jeweils vorherrschenden Denkmuster, die Frauen versuchten in unterdrückende von Männern gemachte Rollenbilder zu stecken. Ich denke an jene Frauen, die viel erreicht haben und dabei mit den Gender konstruierten Eigenschaften, die ihnen zugeschrieben wurden, bewusst gebrochen haben. Ausgestiegen sind. Und an jene, die immer versucht haben, mehr zu sein - als das, was man Frauen in den jeweiligen Epochen zutraute. Ich denke an jene, die sich selbst immer treu geblieben sind - auch im Angesicht des Todes. Und an all die Mütter da draussen, die alleinerziehend das Beste geben, um zu überleben. Und an jene die ihre Lebenszeit der Entwicklung ihrer Kinder widmen - und das in den Augen vieler gar keinen Wert hat. Ich denke an all die jungen Frauen, die in einer Gesellschaft aufwachsen, in der das Weibliche auf den nackten Körper reduziert wird. Und an all die vielen Frauen, die in der Stille ihres Seins aufgehört haben, sich selbst zu lieben. Sich selbst als minderwertig erleben. In Körper, Geist und Seele. Im ewigen Vergleichen mit anderen Frauen sind, weil die Verbindung zu ihrer wahren urnatürlich weiblich göttlichen Essenz fehlt. Weißt du eigentlich, was es wirklich bedeutet deine weibliche Urkraft zu leben? Weißt du eigentlich, dass du mehr bist, als das, was dir an weiblichen Eigenschaften zugeschrieben wird? Weißt du eigentlich, wie vielfältig du in deiner Kraft bist - Frau - und dass du alles bereits in dir trägst, in dir alleine, um dieses Leben zur Meisterschaft zu bringen? Weißt du, was es bedeutet Göttin in einem menschlichen Körper zu sein?

Woman has to understand her role. Her role is not to worship God; her role is to be the very self of God. Her oneness can affect and open every heart.
— Yogi Bhajan

                         Her Story anstatt His Story

Ich weiß gar nicht genau, wann der Moment war, als das Weibliche aus der Geschichte der Menschheit entfernt wurde. Als Frauen nur deswegen weil sie Frauen waren, dem Mann unterwürfig gemacht wurden - in Körper, Geist und Seele. Überall in allen Religionen, spirituellen Überlieferungen, Geschichtsbüchern und Einweihungslehren sind es die großen Männer der Weisheit und des Wissens. Nie oder selten fand ich das weibliche Wissen des Lebens - und wenn, dann war es oft nur ein kleiner Ausschnitt aus dem, was davor gerettet wurde für immer in Vergessenheit zu geraten. Doch Frauen trugen genauso zu den Errungenschaften der Kultur und Gesellschaft bei, zu ihren Entwicklungen und Höhenflügen - nur wurden ihre Geschichten selten durch die von Männern geschriebenen Büchern tradiert. 

Ich fühle mich in keiner traditionellen Religion wohl – vornehmlich deshalb, weil die meisten Religionen von Männern erfunden wurden, mit einem männlichen Gott.
— Isabel Allende

Es geht mir nicht darum, die nächste große feministische Bewegung die das Männliche anfeindet, auszulösen. Ich bin keine Feministin - ich mag das Wort nicht einmal. Denn das, was der Feminismus neben all seinen Errungenschaften auch gemacht hat: er hat viele Frauen zu Männern gemacht - in dasselbe Gendermuster von Leistung, immer besser, immer schöner, immer weiter gesteckt. Ich bin keine Feministin, sondern Frau - mit dem großen Wunsch danach, Frauen daran erinnern, sich ihrer eigenen Geschichten zu besinnen. Jener Geschichte, die wir nicht in den Geschichtsbüchern und religiösen Schriften finden, sondern im Lauschen der Geschichten unserer weiblichen Ahnen, im Abtauchen in unsere Intuition, in der Arbeit mit dem, was im kollektiven weiblichen Unbewussten gespeichert ist. Es geht darum uns wirklich daran zu erinnern, wer wir in all unseren vielen Facetten sind und darum, uns zu trauen, das alles zu leben. 

Frau. Ich will dich daran erinnern, dass in dir alle Kraft ist. Du brauchst nicht etwas oder jemanden im Außen, um dich ganz zu fühlen. In dir ist ein Kreis aus zwölf weiblichen Urbildern. Du bist die Heilige und die verführende Geliebte. Die Zauberin und die Todbringende. Die Leben schenkende und die Amazone. Du bist die Junge und die Alte. Die, die blutet und die, die von der Weisheit getrunken hat. Du bist die, die den Mann an der Hand nimmt und ihn in die Mysterien des Lebens führt. Du bist die Abenteurerin und die Mutter. Die, in der sich der Zyklus des Lebens von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr bewegt. Du bist dir dein eigenes Haus und das Dach, das es beschützt.  

Für mich bedeutet weibliche Urkraft das Wissen, dass ich in mir ganz bin. Es bedeutet für mich nicht weich, sanft, liebevoll und im Mitgefühl zu sein. Es sind Aspekte davon, aber lange nicht alles, was ich an Facetten in mir trage. Denn in meiner Amazonenkraft bin ich erbarmungslos, streng, zornig und schreiend. Ich kämpfe für das, wofür ich stehe und woran ich glaube. Ich bin liebevoll und sinnlich, doch manchmal habe ich Visionen der dunklen Göttin Kali mit Totenköpfen um ihren Hals. Ich liebe es zu tanzen und dabei meine Haare wild und frei um mich zu werfen. Ich bin die Heilige und die Geliebte. Die, die einem und niemandem gehört. Ich bin die Wissende und die Sterbende. Die Lebende und Gebende. Die, die verbunden ist mit allem, was sie ist. Die, die sich selbst erkannt hat und bereit ist, ihr Dharma - ihren Seelenauftrag zu leben. Frei zu sein in ihrem Denken, Handeln und Fühlen. Nicht hineingesteckt in irgendwelche Rollen, die nicht einmal ihre sind. 


Bist du bereit, deine Göttinnenkraft zu leben?
Bereit alles zu geben, um alles zu bekommen?
Bereit für Schmerz und Freude?
Denn ja, beides ist Teil von dir und ohne das eine, gibt es das andere nicht. Ohne den Vollmond, kann es keinen Neumond geben. 

Wirklich in deine Kraft zu tauchen, bedeutet all deine Aspekte endlich zu erleben - in dir den Kreis zu schließen. Wirklich in der Tiefe zu erfahren, dass du aus allem ausbrechen musst, um alles zu werden. Alles, wonach du dich sehnst. Urweiblichkeit ist das Bewusstsein, dass du Frau heilig bist - denn aus dir und in dir vollendet sich das Leben. 

Und so lasst uns an diesem Frauentag, wenn wir Blumen empfangen, nicht vergessen, dass noch viel Arbeit vor uns liegt. Keine verurteilende und anprangernde, keine aus der Haltung des Opfers. Keine nach Außen gerichtete, sondern eine innere, stille, im Sein der göttlichen Weiblichkeit. Denn wie wir im Yoga sagen: Wenn die innere Arbeit getan ist, dürfen sich die Strukturen im Außen ganz von alleine verändern - still, weiblich, in Geduld, wissend, dass die Zukunft weiblich ist. Und auch die Männer in ihr weibliches Sein zurückführen wird. 

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